„EUROCARD Gotland Runt 2010"

mit J125 NEEDLES AND PINS auf großer Regatta-Tour - Petra Merbach berichtet

Der Regatta-Kalender der NEEDLES AND PINS sah viele kleine Ausflüge auf der Ostsee für die Saison vor. Eine große Reise jedoch sollte uns dieses Jahr nach Gotland führen.
Von und über „Gotland Run" werden viele Geschichten erzählt und manchmal weiß man nicht, welche man glauben soll. Bei anderen wäre man gern dabei gewesen. Aber nun haben wir unsere eigene Geschichte zu dieser Regatta - einige Crewmitglieder die erste und die anderen eine zusätzliche.
Der größte Teil der Crew trifft sich am Sonntag den 4. Juli zur Mittagszeit, um gemeinsam die Anreise nach Bullandö zu starten. Dort wartet unser bereits überführtes Schiff in einer großen Marina auf uns. Den ersten Teil, nach Lübeck zum Flughafen, legen wir mit dem Auto zurück. Weiter geht es dann mit dem Flieger: Lübeck - Stockholm; anschießend den Mietwagen eingesammelt und ab zum Einkaufen. Schließlich haben wir vereinbart, dass wir bei diesem traumhaften Wetter grillen wollen. Apropos vereinbart, unsere Urlauberin Ute ist noch von der Hinfahrt an Bord geblieben und hält Wache, seit die drei anderen aus der Überführungscrew sich vor einer Woche dort von ihr verabschiedet haben.
Also, ab in den Supermarkt, Einkaufswagen beladen und dann auf nach Bullandö; unterwegs noch ein bisschen Stau, bei Stockholm rechts abgebogen und ab in die Schären. Und schon ist unser Ziel nicht mehr weit. Fehlt für heute nur noch, das Einsammeln des 6. Crewmitglied an der Marina, unsere Taschen vom Steg ins Auto sortieren, ab ins Miethaus und den Grill das erste Mal in dieser Woche anwerfen. Skipper, Du hast fein gegrillt!
Und obwohl die Sonne hier um dies Jahreszeit auch tief in der Nacht nicht richtig untergeht, heißt es irgendwann: Gute Nacht, die erste!
Am Montagmorgen ist zeitiges Aufstehen angesagt, schließlich haben wir viel vor. Und, schwuppdiwupp, meldet sich auch das noch fehlende Crewmitglied an: unser Nachzügler Willi ist an der Marina und schon unterwegs zu uns ins Haus.Noch fertig frühstücken, gucken, was an Bord fehlt. Und dann planen wir Safety Inspection und Check In für heute - erledigt ist erledigt. Ab zum Boot, noch mal gucken ob alles da ist, was wir brauchen, die Crew einladen und auf nach Sandhamn - nur wenige Meilen durch die Schären und wir melden uns beim KSSS zur Safety Inspection an. Die Wartezeit - die Checker, die eigentlich Safety Inspector heißen, sind noch mit der laufenden Regatta der Sandhamn Racing Week beschäftigt - überbrücken wir mit Promenieren und Shoppen (ja, nur ein Teil der Crew) in Sandhamn. Das ist nicht so groß, also danach noch ein bisschen Füße hoch und abwarten, wann der Inspector Zeit für uns hat. Irgendwann ist er dann da und die Check-Liste wird detailliert abgearbeitet. Wer aufmerksam beobachtet, kann jetzt einen ersten Eindruck unserer vorbildlichen Crewarbeit gewinnen: Zwei arbeiten mit dem Inspector die Liste ab, andere reichen das geforderte Equipment von unter Deck an und der Rest steht vorbildlich still auf dem Steg und schaut zu. Oder so ähnlich ;-)

Auf jeden Fall fehlen am Ende der Liste
1. ein extra Lifebelt, mit zusätzlichem Karabiner zum Umpicken und
2. ein für NEEDLES AND PINS ausreichend großer Radarreflektor.
Man kann ja sagen was man will, aber an Einfallsreichtum mangelt es uns wirklich nicht: Problem Nummer 1 wird spontan gelöst, indem ein überzähliger Lifebelt mit einem zusätzlichen, in der Ersatzteilkiste vorhandenen Karabiner versehen wird. Diese Lösung wird auch sogleich abgenommen. Bleibt noch ein Punkt offen.
Dieser ist da schon etwas schwerwiegender, denn die Mädels im Marinekontor in Bullandö, die wir von unterwegs anrufen, verstehen irgendwie nicht, was wir von Ihnen wollen. Stellt sich kurzzeitig die Frage, ob es an uns oder an den Mädels liegt. Nachdem der Boss der Mädels uns aber versteht, sind die Zweifel ausgeräumt und der Radarreflektor wird im Laden in der Marina für uns zurückgelegt - zur Abholung am nächsten Morgen. Wie gut, dass wir heute schon den offiziellen Teil erledigt haben, sonst wäre es wohl eng geworden. Als ob wir es geahnt hätten!
Auf dem Rückweg nach Bullandö müssen wir auch noch feststellen, dass die Bordelektrik nicht so funktioniert, wie sie soll. Und nun? Zwar wollen wir um Gotland rum segeln, aber Instrumente wären schon ganz schön. Wir rufen noch bei Bullandö Motoren an, können jedoch niemanden erreichen. Zurück in der Marina stellen wir fest, dass der Laden schon geschlossen ist - also morgen mehr und ab geht's zum Haus - Grillen, immerhin haben wir in weiser Voraussicht ja gestern schon eingekauft. Und ganz nebenbei müssen auch noch die Wachen für die Regatta eingeteilt werden, wir sind ja nicht zum Spaß hier. Das macht unser Skipper uns sehr deutlich klar. Skipper und Watch Captains teilen mal eben die Crew unter sich auf - soviel zu dem Glauben, Sklaverei wäre abgeschafft J
Nachdem wir gestern so fleißig waren, müssen wir heute, am Dienstag, nur noch die Elektrik wieder in Ordnung bringen, den Radarreflektor abholen und das Boot packen. So werden Kisten gepackt und gestaut und am Ende konnte mit telefonischer Unterstützung aus Deutschland und mit Material von Bullandö Motoren auch die Elektrik fertig gestellt werden. Fehlt nur noch die Crew, aber die macht erstmal noch einen halben Tag Urlaub, schließlich ist immer noch super Wetter. Ein weiterer schöner Tag geht nach erneutem gemütlichen Grillen zu Ende und dann heißt es „Gute Nacht" die dritte.
Mittwoch - die Spannung steigt. Heute ist Start. Also fahren wir zeitig los: von Bullandö, an Sandhamn vorbei und an Skanskobb - Start ist bei Revengegrundet im äußeren Schärengürtel. Dort starten wir um 14 Uhr ganz weit vorn und dicht an der Linie - aber auf gar keinen Fall drüber. Wir segeln mit etwa 30 Yachten dieses Starts in ORC international, insgesamt sollen auf unserer Bahn „gul" über 100 Yachten unterwegs sein. Auch der Norwegische König ist auf einer langen Bahn dabei, wie schon zur Sandhamn Racing Week die Tage davor - da hat er sogar gewonnen, und das nicht zum ersten Mal.Wir konzentrieren uns aber auf uns und unsere NEEDLES AND PINS, immerhin sollen wir bei Wind mit SE 1 bis Almagrundet kreuzen, und das ist mit den Untiefen um uns herum erstmal aufregend. Wir passieren die Alma irgendwann zwischen 15 und 16 Uhr. Danach geht es mit Kurs 230° Richtung Nynäshamn Angöring weiter. Und eines steht fest:Halsen in immer wiederkehrenden Flautenlöchern ist kein Spaß. Unsere Wetterfrösche haben angesagt, dass der Wind links, also seeseitig, besser sein soll.Demnach fahren wir dort hin. Leider Pech gehabt, da ist der Wind auch nicht besser und im Laufe des Abends treibt das Feld in der Flaute rechts schneller als wir links.
Spätabends dreht der Wind, besser gesagt, er baut sich langsam auf, aus SW mit Stärke 1 und wir kreuzen nun auf die Tonne zu. Immer noch sind 90% des Feldes vor uns, rechts, näher am Schärengarten. Nachts nimmt der Wind weiter zu auf W 2 ztws.3 und wir runden nach unserer Zählung als 26. die Tonne - oder besser gesagt die angegebenen Position, denn eine Tonne liegt da nicht - einfach weg.
Am Donnerstagmorgen kreuzen wir dann bei W-NW 3 vor dem Wind mit Kurs 135° auf die Nordspitze Gotlands zu, endlich wieder mit gutem Speed. Als wir den Motor starten wollen, um die Batterien aufzuladen, springt er nicht an. Beide (eigentlich getrennte) Bordnetze sind soweit entladen, dass die Spannung zum Starten nicht mehr ausreicht. Und das, nachdem wir am Dienstag die gesamte Elektrik überarbeitet haben - so'n ...Uns bleibt nichts anderes übrig als alle Verbraucher abzuschalten, auf die wir irgendwie verzichten können. Also GPS, Deckman und auch die Instrumente abgeschaltet und die Karten, Dreiecke und Zirkel ausgepackt. Immerhin haben wir noch einen Hand-GPS, so dass wir hin und wieder unsere Position überprüfen können. Im Laufe des Vormittags runden wir Salvorev, nun als 2., und machen uns mit guter Geschwindigkeit mit unserem flachen Gennaker auf den spitzen Spigang, Kurs 207°, die Ostküste Gotlands hinunter. Das Reporting an die Wettfahrtleitung geht über Handy raus (hier geht es noch mit dem Empfang) denn auch die kleine Handfunke hat nun keinen Saft mehr.Segeln funktioniert aber auch ohne Elektrik und Instrumente, und mit viel Gefühl in den Fingerspitzen und anderen Körperteilen segeln wir schnell die Küste runter und haben zur Mittagszeit die Hälfte der Insel geschafft. Wir haben übrigens immer noch gegrilltes Fleisch ...
und dann hat uns auch die Flaute wieder.

Nachmittags kommt der Wind aus Süd und mit gut 4 Bft wieder. Auf Wiedersehen Gennaker, hallo Fock. Etwas später gehen wir ohne Kursänderung auf den ersten Kreuzschlag Richtung Hoburg Rev. Bis unser Fallschlitten bricht. Das Vorsegel kommt schon von alleine runter, also neues Fall dran und wieder hoch mit dem Tuch - dann segeln wir halt ohne Rollanlage weiter, ist ja nicht so, dass sich keiner aufs Vorschiff traut.
Einige Kreuzschläge und Stunden später runden wir am Abend Hoburg Rev bei SW 3 - immer noch als Zweiter. An der Tonne geht das mittlere, bunte Tuch hoch und auf einem weiteren Gennakergang machen wir uns auf 330° auf den Weg nach Knollsgrund. Etwa eine Meile vor der Marke dreht der Wind auf NW - nun kreuzen wir - und nimmt auf 1 Bft ab, an der Tonne Knollsgrund liegen wir - zur Abwechslung mal wieder - in der Flaute. Die Rundung erfolgt nachts. Ob wir immer noch Zweiter sind?
Die ersten Stunden des aufkommenden Freitags verbringen wir auf Kurs 76°. Bei NW1 bringt uns der Gennaker stetig Visby näher. Zum Glück sind die Nächte so hoch im Norden kurz und es wird kaum richtig dunkel: mittlerweile reicht die Bordspannung von 9 Volt nur noch für die Beleuchtung von Posis und Kompass. Gegen Morgen runden wir die Regatta-Tonne vor Visby. Wir zählen ungefähr 5 Boote vor uns. Ob die alle zu uns gehören oder uns schon welche durchgerutscht sind?
Mittlerweile sind wir geübt, bei schwachem Wind zu halsen; aber besser geht immer und so halsen wir auf dem nächsten Schlag Richtung Almagrundet einfach noch ein paar Mal mehr. Bei SW 1-2 liegt unser neuer Kurs auf 14°. Bis zur nächsten Marke liegen weitere 100 sm vor uns. Da unsere Wetterfrösche landseitig bessere Verhältnisse vorhersagen, folgen wir der Empfehlung. Leider bringt uns der weite Schlag nach links nichts. Der Weg nach Almagrundet zieht sich ganz schön hin bis zur Rundund gegen 22 Uhr. Nun haben wir nur noch wenige Meilen vor uns. Und zum ersten Mal seit mehr als zwei Tagen zählt nicht mehr, ob Wache oder nicht: die Crew ist vollzählig und hellwach an Deck, denn den letzten Gennakergang - natürlich das große Tuch - lässt sich keiner entgehen. Und endlich (oder doch schade?) queren wir um 23.28 Uhr die Ziellinie. Nach 57 Stunden, 28 Minuten und ein bisschen werden wir mit einem lauten Knall als First Ship Home der Gruppen ORC Int. begrüßt - gleich vorweggenommen: berechnet sind wir 19.
Das Ziel liegt hinter uns aber die die Spannung ist noch nicht vorbei: Anleger ohne Maschine. Für geübte Segler ist das natürlich nicht neu, aber mit 41´ LoA und mit 10´ zwischen Kiel und Stiefeln auch nicht täglich. Wir suchen uns in der gut gefüllten Marina von Sandhamn einen Platz am Kopf, überreden einen der zahlreichen Hafenmeister uns dort anlegen zu lassen und werfen die Festmacher über. Nun ist es geschafft - mehr oder weniger fester Boden unter den Füßen. Als dann noch richtig nette Stegnachbarn aus den Tiefen ihres Hausbootes Kabel mit passendem Adapter hervorzaubern, ist der Landstrom recht schnell gelegt.
Gegen 1:30 springt der Motor wieder an und wir bringen die letzten paar Meilen nach Bullandö hinter uns. Mit den wichtigsten persönlichen Dingen machen wir uns auf den Weg zum Haus. Unser Auto ist noch da und los. Ganz kurz haben wir befürchtet, laufen zu müssen, aber dann haben wir den Öffnungsmechanismus für das Tor der Marina doch gefunden. Es ist Samstag, die Sonne ist schon lange wieder aufgegangen und um halb vier genehmigen wir uns erstmal ein wohlverdientes Frühstück.

Nach dem Ausschlafen (oder auch nicht) frühstücken wir noch mal, räumen das Boot aus und machen uns daran, unsere sieben Sachen zusammenzusuchen. Schweren Herzens müssen wir uns langsam auf das Ende unseres Schweden-Ausfluges einstellen. Vorher wollen wir aber noch einmal nach Sandham zur Siegerehrung. Nachdem sich der größte Teil der Crew auf einheitliche Kleidung geeinigt hat, kann es losgehen. Freundlicherweise nimmt uns die IMAGINE aus Greifswald mit, deren Motor stärker ist als unserer und außerdem muss dann keiner von uns fahrtüchtig bleiben J
Am Sonntag geht es dann zurück: ein Teil der Crew bringt zusammen mit extra angereisten Überführungscrewmitgliedern in einer Woche Urlaub die NEEDLES AND PINS zurück nach Kiel,
der andere Teil nimmt den Flieger.
Und was bleibt? Ein glänzende Trophäe bei FaMü in der Vitrine; tolle Erinnerungen an eine Woche voller Spaß, obwohl er eigentlich verboten war und ein herzliches Dankeschön an alle, die unsere
„große Reise" ermöglicht haben.

Petra Merbach